Hat Polen denn gewählt?
Der neue Präsident von Polen heißt Lech Kaczynski. Die Stichwahl ging zwar eindeutig zugunsten des Mitglieds der Partei für Recht und Gerechtigkeit aus, sie war aber eher ein Akt der Apathie als eine Wahl mit reger Beteiligung. Der Rechtsruck Polens, bei dem sich nun christliche und politische Ideologie ähnlich verzahnen wie bei der Bush-Regierung, kommt jedoch nur für den Westen überraschend.
Als ich Polen 1997 verließ, war ich zwar traurig, aber auch froh. Ich war froh, ein Land zu verlassen, in dessen Städten das raue Dschungelgesetz des Konsums zu herrschen schien, wo die Villenviertel der Umsturzgewinnler und Mafiosi wie Geschwüre die Slums der Verlierer umschlossen und umgekehrt. Westfirmen hatten beim Aufbau geholfen, was nicht selten an alte koloniale Bräuche der gleichen Länder in Afrika erinnerte. Für Geld schienen die Polen alles zu tun, denn es war rar und man sprach damals schon von der "verlorenen Generation". Dass Rentner und Arme beim Run auf Reichtum und Konsum auf der Strecke bleiben würden, nahm man damals stillschweigend in Kauf. Dass der Westen mit seinen grenzenlosen Märkten menschlich auf die Nase fiel, wollte man nicht sehen. Und dass die Polen mehr zu bieten hatten als Einkaufskultur und Maloche, schienen die Jungen zu vergessen.
Ich war damals froh, in den Westen zu wechseln, weil ich der ständigen Gefahr von Bomben- und Handgranatenterror verfeindeter Mafiabanden aus aller Herren Länder müde geworden war. Ich war froh, nicht mehr ständig um Leib und Leben bangen zu müssen, weil die Polizei hoffnungslos unterbezahlt (und damit korrupt), hoffnungslos unterbesetzt war. Ich war aber auch froh, einem Land zu entrinnen, das so extremistisch katholisch war, dass es in diesem ehemaligen Hort der religiösen Toleranz keine offiziellen Freiräume mehr gab. Meine polnischen Freunde wären am liebsten mit mir gegangen. Viele sind inzwischen emigriert, nach Paris, London, in die USA. Die, die noch dort sind, schimpfen auf die Regierung, egal auf welche. Denn in den letzten Jahren seitdem ist es schlimmer geworden. Delikte und Gewalt in den Städten treffen jetzt nicht mehr nur die Reichen, die Aggressionen sind ungezähmt. Und die Politiker machen das, was sie immer schon taten: Sie stecken Millionen von Hilfsgeldern in dunkle Kanäle...
Mich überrascht die Wahl nicht. Und ich glaube an die geborenen Querköpfe, die sich nie groß um eine Regierung scherten, sondern machten, was sie für richtig hielten, notfalls auch gegen die Regierung. Da sind sich Polen und Franzosen ähnlich - ihr Freiheitsdrang steht über allem. Und trotzdem erschreckt mich die Wahl. Wieder ein Präsident mehr auf dieser Welt, der so eindeutig nur von einer Minderheit gewählt wurde. Demokratien höhlen sich selbst aus, weil sie vom Wahlrecht und aktiven Möglichkeiten keinen Gebrauch mehr machen. Ideologische Feindbilder lenken ab von den Gefahren im Innern. Die Rassisten und Rechtsradikalen des Westens arbeiten schon längst offen in Europas Osten.
Ich bezweifle, dass man einem Land von oben aufoktroyieren kann, was Werte, das Bewusstsein der eigenen Wurzeln und der Bereicherung durch andere, was Kultur und Achtung vor dem Mitmenschen wert sind. So etwas muss von unten wachsen, dafür muss ein Klima und Freiheit geschaffen werden, aber auch Auskommen der Ärmsten der Armen. Kultur entsteht nicht in der Politik. Solange aber Europa nur von Leitkultur und Recht und Ordnung faselt, mit äußeren Feindbildern von inneren Gefahren ablenkt, und dabei sein wachsendes Armenhaus übersieht, schadet es seinem demokratischen Gedanken. Nein, die Polen sind jetzt nicht anti-europäisch geworden. Sie machen uns leider auch diese Fehler nur nach.
Und wenn dann auch noch ideologisch verbrämte Heilslehren den Menschen religiöses Denken vorschreiben wollen und andersdenkende Mitmenschen ausgrenzen, nähern wir uns gefährlich dem Gedanken eines Gottestaates. Auch katholische Polen sind schwul oder geschieden.
Polen hat etwas nötig, was wir alle in Europa und anderswo nötiger haben denn je: Selbstverantwortliche Menschen, Kultur schaffende Menschen, Menschen, die nachdenken über das, was überall geschieht und die nicht nur laut werden, sondern vor allem handeln - dem Rechtsruck ein intelligentes Gegengewicht bieten. Und diese Kultur der Vielfältigkeit, der Offenheit und Toleranz, die Idee der Menschenrechte - die hat es gerade in Polen in vorbildlicher Weise gegeben!

1 Comments:
Das braune Polen ist die neue Schande Europas. Die Charta der Grundrechten ist für die neuen Denkbarbaren aus dem Osten geschrieb en worden.
FREIHEIT.
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